Headerbild
 
 

Starthilfe

»Schwarze Pädagogik«: Diesen Begriff wendet die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts Frankfurt Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber auf das Verhalten von Eltern an, die ihre Kinder statt in liebevoller Zuwendung mit Verboten »in den Griff« zu bekommen suchen.
Als Hauptmotiv ist die Verunsicherung anzusehen, mit der ein wachsender Prozentsatz von Erziehungsberechtigten einer nachweislich zunehmenden Hyperaktivität, in der Folge auch Gewaltbereitschaft ihrer Kleinen gegenüber steht.
Das Förderprojekt »Starthilfe« bot neue Wege, mit aggressiv-verhaltensauffälligen Kindern umzugehen – ohne Medikamente und ohne einseitige Konditionierungsversuche setzte Starthilfe ganz auf die modernen Erkenntnisse psychotherapeutischer Intervention.


Fakten kurz gefasst

Mit der Frankfurter Präventionsstudie konnte das Sigmund-Freud-Institut nachweisen, dass ein zweijähriges, nicht-medikamentöses Präventions- und Interventionsprogramm im Kindergarten zu einem statistisch nachweisbaren Rückgang von psychosozialen Anpassungsstörungen (insbesondere Aggressivität, Ängsten und »ADHS«) bei Vorschulkindern führt. Auf diesen Erfahrungen baute das Projekt »Starthilfe« auf, dass seit 2007 jährlich in zehn Frankfurter Kindertagesstätten umgesetzt wurde. Die Crespo Foundation finanzierte die Kosten der Supervision.

Projektträger
Sigmund-Freud-Institut, Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie, beide Frankfurt am Main
Projektstart2007
Projektförderung2007, 2009 und 2011
Interventionen          
14-tägige Supervision für die ErzieherInnen, wöchentl. teilnehmende Beobachtung der Kinder durch psychoanalytisch geschulte MitarbeiterInnen zum Austausch mit den ErzieherInnen und als Basis für Elterngespräche, Vermittlung geeigneter therapeutischer Maßnahmen, Anti-Gewalt-Training (»Faust-los«)
Weitere Förderer
Stiftung Polytechnische Gesellschaft,
Ursula Ströher-Stiftung
Präventionsstudie
www.sfi-frankfurt.de/forschung/forschungsfeld-1/starthilfe
Projektkontakt
Angelika Wolff
angelika.wolff(at)ikjp.de



Was war Starthilfe

Traurig, aber wahr: Rund 15 Prozent aller Kindergartenkinder sind aktuellen Studien zufolge »sozial auffällig« – und sie kommen nicht nur aus so genannten »High-Risk« - Familien.
Der Schluss liegt nahe, dass Kleinkinder die ersten Verlierer in einer Gesellschaft sein könnten, die alte Rollenmodelle von Familie hinterfragt, für die neuen aber noch keine sicheren Strukturen anbietet.
Kinderkrippen leiden oft unter chronischem Personalmangel; die PädagogInnen vor Ort sind zudem angesichts der Verhaltensstörungen der Kinder, mit denen sie sich »konfrontiert« sehen, nicht hinreichend ausgebildet. Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber vom Sigmund-Freud-Institut Frankfurt am Main kam zu der Erkenntnis, dass sich hinter aggressivem, antisozialem Verhalten bei Kindern oft »Ängstlichkeit und Depression verbergen«.
Doch wie Abhilfe schaffen?

In den Jahren 2003 bis 2006 führte das Institut eine Feldstudie bei knapp achthundert Kindergartenkindern durch, die speziell Kinder mit dem so genannten »ADS-Syndrom« im Blick hatte. Während eine Kontrollgruppe von vierzehn Kindertagesstätten nur beobachtet wurde, durchliefen vierzehn andere ein Präventions- und Interventionsprogramm. Die Ergebnisse waren eindeutig: Frühes Eingreifen lohnt sich.
Es ließ sich nachweisen, dass psychotherapeutische Angebote, die Fortbildung der ErzieherInnen und Elternberatung die Gewaltbereitschaft und Verhaltensauffälligkeit von Kindern maßgeblich reduzieren können.
Die von der Studie erhobenen Daten wurden gestützt von aktuellen Erkenntnissen aus der Hirnforschung. Diese belegen, dass bei der Ausbildung neuronaler Netzwerke bei Kindern nicht nur genetische Faktoren, sondern auch frühe Beziehungserfahrungen entscheidend sind.

Finanziert durch die Stiftung Polytechnische Gesellschaft, die Crespo Foundation und die Ursula Ströher-Stiftung, wurde das Projekt Starthilfe seit 2007 jährlich in zehn Frankfurter Kindergärten umgesetzt. Als direkte Fortführung der Maßnahmen der Frankfurter Präventionsstudie zielte es darauf ab, durch einen ganzheitlichen Ansatz, frühzeitige Diagnose und psychoanalytisch fundierte Präventionsmaßnahmen die Einzelbetreuung in den Kitas gerade bei schwierigen Kindern entscheidend zu verbessern.


Starthilfe förderte anders

Der Leitgedanke des Projekts steuerte dem häufigen Einsatz von psychoaktiven Medikamenten zur Ruhigstellung aggressiver, oft ADS-kranker Kinder entgegen: Das »Problem«-Kind sollte nicht »kuriert« werden. Stattdessen galt es, die Umstände, innerhalb derer der Entwicklungsprozess des Kindes verläuft, achtsamer zu analysieren und zu verbessern.
Der Erfolg von Starthilfe zeigte sich im Zusammenspiel einander ergänzender Module:
Erster Schritt war die persönliche Anbindung von externen, psychoanalytisch geschulten BeraterInnen an die Kitas. Die BeraterInnen tauschten sich mit ErzieherInnen und Eltern aus, schlugen Lösungen für Konfliktsituationen vor, erkannten und förderten spezifische Neigungen und Talente.
Gerade der Überforderung der ErzieherInnen galt es hier entgegenzuwirken: Sie fühlten sich oft missverstanden, schlecht unterstützt und in ihren Verständigungproblemen mit Eltern - gerade jenen mit Migrationshintergrund - alleine gelassen. Es zeigte sich, dass aus dem regelmäßigen Austausch mit einer persönlichen BeraterIn und gezielter Weiterbildung neue Kraft und Motivation für die Arbeit mit Kindern und Eltern erwächst.


Supervision für die ErzieherInnen

Parallel dazu erfuhren die ErzieherInnen eine vierzehntägige Supervision: Dieses aus dem psychoanalytischen Alltag stammende Instrument ermöglichte es ihnen, ihrerseits externen KinderpsychotherapeutInnen zweimal im Monat einzelne Kinderprofile vorzustellen, um das eigene Verständnis für die Entwicklung und die innere Befindlichkeit ihrer Schützlinge zu vertiefen. An diesem Punkt des Projekts trat die Crespo Foundation unterstützend hinzu:
2007 finanzierte sie die Kosten für die Supervision.
Ein weiterer Baustein von Starthilfe waren Therapieangebote für Kinder, die Opfer sexueller, körperlicher oder seelischer Gewalt geworden waren. Oft waren Eltern und Familien solcher Problemkinder nicht selbstständig in der Lage, professionelle Hilfe zu suchen. Ein Netz von Therapeuten bot Krisenintervention und Beratung direkt vor Ort in den betroffenen Einrichtungen. Hinzu kamen Elternfortbildungen, die in Zusammenarbeit mit den Kitas angeboten und durchgeführt wurden.
In Kombination mit dem Gewaltpräventionsprogramm »Faust-los«, das alle beteiligten Kinder während des Projektzeitraums durchliefen, bildeten die Module von Starthilfe ein komplex aufgestelltes Angebot, das Kind und dessen seelische Entwicklung wieder neu in den Blick zu nehmen. Starthilfe unterstützte alle Beteiligten dabei, die Situation und die Verhaltensweisen einzelner Kinder besser verstehen zu lernenu nd Aggressivität, Ängstlichkeit und Hyperaktivität nicht als Angriff, sondern als Notsignal zu begreifen. Indem das Programm die Ergebnisse wissenschaftlich evaluierte und damit skalierbar und auf andere Einrichtungen übertragbar machte, wurden die Chancen gefährdeter Vorschulkinder auf eine ihnen gemäße Entwicklung nachhaltig verbessert.


D  E
facebook