Katrin Triebswetter, Dipl.-Soziologin und Projektkoordinatorin von Start-Wien, über ihre Arbeit mit Jugendlichen, ihre Leidenschaft, Bestehendes zu hinterfragen und warum das Leben zwar kein Ponyhof, aber voller Chancen ist.

Ihre Vita liest sich spannend – vollgepackt mit Kunst- und Kulturwissenschaften, Jugend- und Gender-Studies, Philosophie, Psychologie und Kommunikationswissenschaft. Auffällig ist, Sie haben die akademische Forschung immer mit Projekt-Engagements verknüpft, vor allem im Bereich der Jugendarbeit. Warum liegen Ihnen Jugendliche besonders am Herzen?  

Triebswetter
: Ich hatte das Glück, in einem Umfeld aufzuwachsen, in dem meine Neugier und Wissbegierde immer gefördert wurden. Ein »Das ist so, weil es so ist« habe ich eigentlich nie gehört. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Mein Lebensziel ist es, mir diese Haltung zu bewahren – und sie weiterzugeben. Daher die Verknüpfung von Forschung und Praxis, die sich durch mein Leben zieht. Die von mir verfolgten Studiengänge haben alle eines gemeinsam: Sie nehmen die Welt nicht als Faktum hin. Sie stellen immer wieder die Fragen: Was steckt dahinter? Was sind die Voraussetzungen dafür, dass die Welt uns so erscheint, wie sie uns erscheint. Und ist das zwingend so – oder nicht doch eher etwas Menschengemachtes, das immer auch ganz anders hätte ausfallen können? Gerade Kunst ist da spannend, da sie – wie wenige Ausdrucksformen sonst – immer auch sich selbst mit in Frage stellt. Jugendliche, gerade die, die aufgrund ihrer Geschichte, nicht wie ich das Glück haben in einer Umgebung aufgewachsen zu sein, in der ihnen der Luxus – und das ist ein Luxus! – des permanent Hinterfragens ermöglicht wurde, für diese Perspektive auf die Welt zu begeistern finde ich wunderbar. Und es ist schlicht und einfach auch so, dass ich leider die Erfahrung gemacht habe, dass das »sich und andere begeistern können» bei Jugendlichen noch einfacher und ungezwungener funktioniert. Erwachsenen wurde das meistens schon gesellschaftlich ausgetrieben.    

Wie kam es zu Ihrer Entscheidung für Start-Wien?


Triebswetter
: Nach Abschluss meines Studiums habe ich mich zunächst für den Weg im Bereich der Forschung entschieden. Das Verfassen meiner Diplomarbeit und meine Tätigkeit als Tutorin am Institut für Soziologie in München haben bei mir nur eine Lust auf mehr hinterlassen: Mehr Fragen, mehr Schreiben, mehr Wissen. Während meiner Tätigkeit als Projektleiterin am Institut für Jugendforschung und als Doktorandin an der Akademie für Bildende Künste habe ich aber auch gemerkt, dass das Fragen und Wissen für mich alleine auf Dauer nicht reicht. Forschungsberichte verschwinden viel zu schnell in Schubladen und eine Word-Datei als Ergebnis meiner Arbeit ist auf Dauer wenig befriedigend. Mit anderen zu diskutieren, die eigene Perspektive mit anderen zu vergleichen, durch und mit anderen Lernen, das ist es, was mir wirklich Spaß macht. Und bei START-Wien kann ich genau das mit meinen Kompetenzen im pädagogischen und organisatorischen Bereich sowie meiner Leidenschaft für Kunst und Kultur verbinden. Etwas Besseres konnte ich gar nicht finden!   

Sie sind nun ein gutes Jahr im Projekt: In welchem Bereich Ihrer Arbeit haben Sie bisher selbst am meisten gelernt?


Triebswetter
: Im Bereich der gesellschaftlichen und persönlichen Grenzen. Und das meine ich jetzt durchaus positiv. Letztendlich wurde ich in diesem Jahr in vielem bestätigt, wofür mich manche schon naiv genannt haben: Dass es mit etwas Geduld, Respekt und Interesse für die Lebensmodelle und Perspektive anderer fast immer möglich ist, einen für alle gangbaren Weg zu finden. Und wenn nicht, dann funktioniert das auch. Das Leben ist schließlich kein Ponyhof – aber warum nicht immer wieder die Forderung stellen: »Mehr Ponys für alle!«    

Was für Kriterien legen Sie eigentlich an bei Ihrer Entscheidung, ob ein Jugendlicher oder eine Jugendliche für das Programm geeignet ist?


Triebswetter
: Die wichtigsten Kriterien sind gesellschaftliches Engagement, soziale Bedürftigkeit und schulische Leistungen. Wobei es insbesondere für Engagement und Leistung keine in Stein gemeißelten Messzahlen gibt. Selbstverständlich können wir von einer Bewerberin, die in ihrem Leben kaum eine Schule besucht hat und nach einer Flucht erst zwei Jahre in Österreich ist, kein Zeugnis mit lauter 1ern erwarten. Viel wichtiger ist, dass wir im Auswahlprozess – und den führe ich gemeinsam mit KollegInnen und PatInnen – erkennen, dass sich diese Jugendlichen auf ihrem Weg nicht von selbst – oder fremderzeugten Hindernissen stoppen lassen wollen und dabei auch nicht aus den Augen verlieren, dass es nicht nur um sie alleine geht in dieser Gesellschaft, sondern dass wir Einzelne auch mit und für die Gesellschaft etwas tun sollten. Meine berufliche und persönliche Überzeugung ist es, dass rein leistungsorientierter Individualismus zum Stillstand führt. Und das ist wohl so ziemlich das Letzte, was unsere Welt gebrauchen kann.    

In welchen künftigen Berufen wünschen Sie sich Ihre StipendiatInnen?


Triebswetter
: In denen, die ihren Wünschen, Plänen und Kompetenzen entsprechen. Egal welchen Beruf sie wählen, ich wünsche ihnen, dass sie damit glücklich werden, nie die Lust verlieren, sich weiterzubilden und das Beste aus ihrer Arbeit und sich herausholen. Ein Ziel meiner Arbeit ist es schließlich, mit ihnen gemeinsam herauszufinden, was ihr Weg sein könnte und nicht, den Weg der StipendiatInnen in Richtung eines fiktiven 08/15-Lebenslaufes zu lenken.    

Haben Sie ein Lebensmotto oder ein Zitat, dass Sie ihnen mit auf den Weg geben werden?


Triebswetter
: Mottos finde ich immer etwas schwierig, weil sie häufig mit konkreten Personen verbunden sind und das Wichtigste, was ich den StipendiatInnen mitgeben möchte, eigentlich ist, dass sie ihren ganz eigenen Weg finden. Also Freigeister im besten Sinne des Wortes werden. Aber, und das liegt mir ebenfalls sehr am Herzen, dabei die Bodenhaftung nie zu verlieren und den Respekt und die Wertschätzung für die Freiheit der anderen. In seiner lakonischen Art hat das für mich Alfred Hrdlicka auf den Punkt gebracht: »Ohne den Glauben daran, dass sich die Welt verändern lässt, kann man ja gleich einpacken.«


Ansprechpartner

Cora Stein
Telefon: +49 (0)69 271079514
cora.stein(at)crespo-foundation.de

Katrin Bernd
Programmleitung START-Österreich
Telefon: +43 1 585389630
bernd(at)start-stipendium.at

Kooperationspartner und Links

Verein START-Stipendien Österreich
Währinger Straße 2-4
1090 Wien
Österreich
www.start-stipendium.at

Mit besonderem Dank an Dr. Heinz Löber
für die Unterstützung des Kunstprojekts
»Storytelling/Zeit-Geschichten« 2010/11!


Fotos

Stephan Mussil
Eva Schlegel
Jürg Christiandl
Jörg Baumann

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