TUSCH  - Theater und Schule

»Das Ziel von Tusch ist es, kulturelle Bildung zum selbstverständlichen Teil des Lebens der Schülerinnen und Schüler zu machen.«
Gundula van den Berg, Projektleiterin und Mitentwicklerin in Frankfurt

 

Fakten kurz gefasst

TUSCH regt die langfristige und nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Theatern und Schulen in Form von 1:1 Partnerschaften an. Das 3-Jahres-Programm entstand vor mehr als zehn Jahren in Berlin und hat sich dort und in Hamburg weiter entwickelt und bewährt. Seit 2007 gibt es Tusch auch in Frankfurt, München und Stuttgart. Tusch engagiert sich für lebendige und starke Bündnisse von Schulen und Theatern, die kulturelle und ästhetische Bildung fördern, indem sie SchülerInnen mit den Darstellenden Künsten und dem gesamten Arbeitsfeld Theater in Berührung bringen. Die Crespo Foundation förderte im Rahmen von TUSCH die Kooperation zwischen der Elsa-Brandström-Schule und dem Theaterhaus.

Projektpartner


Schultheater-Studio Frankfurt

Projektstart2007
Projektförderung        
2010-2013
Projektleitung
Dr. Gundula van den Berg
Projektverlauf
3-jährig, die Basis bereits vorhandener Kooperationen und Strukturen erweiternd. Die CF wird zum Schuljahresbeginn 2010/11 eine Schule der Region über das erste Jahr unterstützen
Projektkontakt
Dr. Gundula van den Berg
mail(at)schultheater.de



Was ist TUSCH

Zu Jahresbeginn finden sich alle Beteiligten in einem Tusch-Plenum zusammen. Hier werden Ideen vorgestellt, Erfahrungen ausgetauscht und die jeweiligen Kooperationskonzepte mit dem Tusch-Team und den Förderern besprochen. Hinzu kommen gemeinsame Workshoptage und ein Künstlerplenum für alle aktiv Beteiligten. Ziel ist es, nach und nach systematisch und flächendeckend alle Schulen der jeweiligen Region in engeren Kontakt zu den Theatern zu bringen.    

Erstes Jahr:
Gegenseitiges Kennenlernen, Entwicklung und Durchführung erster gemeinsamer Projekte. Ein Projekt von SchülerInnen und Lehrenden mit Künstlern und Theaterpädagogen steht dabei im Zentrum, ergänzt durch Theaterbesuche, Inszenierungsgespräche, Workshops im Theater und Besuche von Schauspielern und Regisseuren in der Schule sowie kreative Arbeitsformen im Unterricht. Und volles Licht auf die SchulleiterInnen: ohne sie geht gar nichts!
Das Schultheaterstudio Frankfurt, Initiator des Projekts in der Region, fungiert in dieser Pilotphase als Organisator, Koordinator und Vermittler und evaluiert die laufenden Ergebnisse.
   
Zweites Jahr:
Ausweitung der Partnerschaft mit dem Ziel, »Theater und Schule sind Partner« auf möglichst vielen Ebenen zu entsprechen. Im Bewusstsein der beteiligten Schüler füllt sich der oft unbesetzte Begriff »Theater« mit lebendigen Bildern und Erfahrungen. Selbst- und Fremdwahrnehmung, die Suche nach eigenen Ausdrucks- und Gestaltungsmitteln, kulturelle Angebote selbstverständlich nutzen, mit anderen Partnern als Lehrern lernen...
Die Theater und Pädagogen erhalten Einblicke in jugendliche Lebenswelten, die für den Umgang mit ihrem »Publikum von morgen« wichtig sind.  

Drittes Jahr:
Persönliche Bindungen festigen, die weiter gehen und ermöglichen, dass entstandene Partnerschaften aus Eigenmitteln weiter finanziert werden können. Die Erfahrungen der gemeinsamen Theaterpraxis so weit stabilisieren, dass sie den Schülerinnen und Schülern einen souveränen Umgang mit Kultur und deren Trägern und damit einhergehend die Integration in das kulturelle Leben der Stadt ermöglichen.



   

»Die Rezeption von Hochkultur braucht Handwerkszeug ...«

Das Theater als Lernort für Kinder und Jugendliche. Ein Gespräch mit Christel Euler und Heidi Franciszczok, Mitarbeiterinnen bei Tusch Frankfurt  
  
CF.: Tusch will deutschlandweit Kindern und Jugendlichen den Lernort Theater zugänglich machen: Was bewirkt dieser Kontakt mit der Bühne, aber auch der Kontakt zu außerschulischen Lehrenden bei den Jugendlichen?  

Franciszczok
: Ich denke, er kann ganz Unterschiedliches bewirken. Zunächst einmal gibt der Kontakt mit der Bühne den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, sich selbst auszuprobieren, Dinge zu wagen, die sie »im richtigen Leben« vielleicht nicht machen würden.
Beim Theater schauen sind sie mit Lebensfragen konfrontiert, die ihre eigenen sind, oder die sie sich zueigen machen können; das ist ähnlich wie die Beschäftigung mit Literatur. Und sie sehen Möglichkeiten im Umgang mit Körper und Stimme, die für sie ganz neu sind und neue Perspektiven bringen.
Bei TUSCH gehört aber auch das eigene Spielen dazu; mit professionellen Künstlern, deren erstes Ziel es nicht ist, den Kindern »Stoff« beizubringen, sondern ihnen die Lebenswelt nahe zu bringen. Da ist der Zugang zur Kunst im wahrsten Sinne des Wortes unmittelbarer.

Euler:
Beim Besuch von Theateraufführungen üben Kinder die »Rolle Publikum« ein. Sie werden in einem direkten Kontakt mit den Schauspielern und dem Bühnengeschehen in ihrer Fantasiefähigkeit angesprochen und angeregt. Jüngere Kinder besitzen eine hohe Fähigkeit, auch sehr reduzierte Theaterformen zu verstehen. Wird dies nicht erfahren und erprobt, geht sie verloren - Abwehrhaltungen entstehen.
Nach meiner Erfahrung wird der positive Prozess durch das eigene Spielen verstärkt. Dies dann noch mit professionellen Theaterleuten bringt den Kindern die Welt des Theaters und der Kunst nah. Sie fühlen sich in ihrem Spiel ernst genommen und gehen auch selbst entsprechend ernsthaft damit um. Auf der Bühne erleben sich Jugendliche anders als im Klassenzimmer. Eine Chance, gemeinsam intensive Erfahrungen zu sammeln.

CF.: Bleibt dieser positive gruppendynamische Effekt erhalten, wenn die Schüler zurück im Lernalltag sind? 

Franciszczok:
Ja, unbedingt! Frau Euler und ich machen ja beide schon lange Theater mit Kindern: Kinder, die Erfahrungen mit Theater spielen haben, haben ein besseres standing in der Öffentlichkeit; sei es im Klassenzimmer, im Unterrichtsalltag oder bei Prüfungen. Durch die Bühnenerfahrung gewinnen sie größeres Selbstbewusstsein. Gemeinsam etwas in der Gruppe erreicht zu haben, sensibilisiert auf jeden Fall für ein sozialeres Verhalten untereinander. Ich denke, es ist wie immer im Leben; einmal gemachte positive Erfahrungen in einem bestimmten setting rufen nach Wiederholung.
 
CF.: Woran liegt es, dass die Berührungsängste in Bezug auf Angebote der Hochkultur so groß sind?  

Franciszczok: Sind es wirklich Ängste, oder kommt vielmehr die so genannte Hochkultur im Leben der Kinder und vor allem ihrer Eltern schlicht nicht mehr vor? Ich glaube, die Hochkultur hat noch nie die Massen angezogen; nur weil heutzutage mehr Menschen einen höheren Schulabschluss haben, heißt das nicht unbedingt, dass sie zu Opernfans werden. Hochkultur ist anstrengend und die Rezeption muss gelernt werden; je eher man anfängt, Kinder für Theater, Musik, Tanz, Literatur und Kunst zu begeistern, je eher man ihnen Handwerkszeug zum Verständnis anbietet, desto größer sehe ich die Chancen der Partizipation.

Euler: Deshalb ist auch ein Bestandteil unserer Partnerschaft der Besuch aller Schülerinnen und Schüler von Theateraufführungen im Theaterhaus. Für Kinder, die solche Erfahrungen nicht über das Elternhaus vermittelt bekommen, ist es eine wichtige Entdeckung, zumal die Besuche in diesem Alter in der Regel noch von allen vorurteilsfrei und positiv erlebt werden.  

CF.: Konnten Sie beobachten, dass Tusch da einen selbstverständlicheren Umgang bewirkt hat?  

Franciszczok: Das ist ein langer Weg und hängt auch davon ab, was die Hochkultur anbietet. Für manche unserer TUSCH-Kinder war der Besuch des Partnertheaters der allererste Theaterbesuch überhaupt. Es gibt aber selbst bei kostenlosen Theaterbesuchen Mädchen von 9. Klassen, die schlicht um 20 Uhr nicht mehr von daheim weg dürfen.
Je mehr positive Erfahrungen Kinder machen, zum Beispiel durch das Schauen von Kinder- und Jugendtheater im Theaterhaus, der GruenenSosse oder auch der Gastspiele im Gallus Theater oder Schultheater-Studio, desto mehr Lust weckt es, diese Erfahrung zu wiederholen. Für Jugendliche ist die theaterperipherie ein Ort, zu dem sie freiwillig und gerne gehen, was die ständig ausgebuchten Vorstellungen belegen. Auch so genannte »bildungsferne« Jugendliche lassen sich von dem Theater, das zum großen Teil von jungen Migranten gespielt wird, mitreißen.  

CF.: Das TUSCHpektakel, an dem sich alle Partner beteiligen und die Ergebnisse ihrer  Arbeit präsentieren, ist jedes Jahr ein großer Moment für die Beteiligten. Wie ist es dieses Jahr gelaufen?  

Franciszczok: Für mich war es eine sehr erfolgreiche Veranstaltung, da es so viele unterschiedliche Beiträge gab. Tanz von Jungen im Alter von 11-14, Gesang, klassisches Erzähltheater, Bewegungstheater mit Behinderten, aber auch Experimente, von René Pollesch angeregt oder von einem Trüffelschwein, das die Rolle einer begehrenswerten Frau spielte. Und jeder Beitrag wurde gewürdigt. Ich staune immer wieder mit wie viel Ernst und Respekt die Schüler einander hier begegnen.

Euler:
Für die Schülerinnen und Schüler war es eine aufregende Erfahrung, zumal sie die einzige Grundschulgruppe an diesem Vormittag waren. Sie fühlten sich gewürdigt und waren stolz auf ihre Leistung. Auch haben sie mit großem Interesse den Aufführungen der Großen zugeschaut.  

CF.: Frau Euler, Sie arbeiten seit diesem Jahr bei Tusch mit: Was ist Ihr Aufgabenfeld innerhalb des Projekts?
 
 
Euler: Gemeinsam mit meiner Kollegin, Frau Franciszczok, übernahmen wir den schulischen Part bei TUSCH: Wir leiteten regelmäßig die Theater-AG-Stunden.
Auch wenn die Partner vom Theaterhaus nicht anwesend waren, setzten wir um, was gemeinsam geplant und konzipiert war. In Stunden mit den Professionellen konnten wir in Kleingruppen arbeiten und so alle Kinder intensiver am Prozess beteiligen.
Hinzu kamen regelmäßige Treffen mit den Partnern vom Theaterhaus zur Planung und Konzeption der Arbeit und die Organisation der verschiedenen außergewöhnlichen Treffen wie Projekttag, TUSCHpektakel und andere Aufführungstermine. Da die Kinder der Theater- AG aus drei verschiedenen vierten Klassen kamen, bedurfte dies allerlei Absprachen mit der Schulleitung und den betroffenen Klassenlehrerinnen.

                                                                     

D  E
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