Life on Earth

»Wir!«
Nur drei Buchstaben braucht es, um ein Gefühl des Verbundenseins zu bezeichnen, das in unseren zunehmend komplexer strukturierten Gesellschaften immer schwerer zu finden ist: Ein harter »Wind of change« weht durch die Lande, soziale Schichten grenzen sich zunehmend voneinander ab. Solidarität als Bindemittel im gesellschaftlichen Miteinander ist ein Gefühl, von dem viele glauben, es sich nicht mehr leisten zu können. Was bleibt, sind temporäre Interessengruppen, die sich schnell wieder auflösen, wenn die eigenen Vorteile gesichert sind.

Was ist »Community Work« heutzutage? Wo kann neuer Raum für Begegnungen, gerade für sozial benachteiligte Menschen, entstehen? Es fehlt zunehmend an prägnanten, emotional erfahrbaren Knotenpunkten, die der Entstehung eines gesellschaftlichen »Wir«-Gefühls neue Impulse geben. Unter Regie des Tanzquartier Wien entstand ein solcher Erfahrungsraum: Seit Jahren sehr erfolgreich in der Förderung der avanciertesten Positionen in Tanz und Performance, legte diese Institution 2007 das Programm »Community Work« auf, mit dem sie sich neuen Aufgaben im sozialen Umfeld stellte. Die Crespo Foundation förderte 2008/09 das aus diesem Ansatz hervor gegangene Sozialprojekt »Life on earth«.



Fakten kurz gefasst

Seit über 60 Jahren ist Macondo am Stadtrand von Wien Wohnort für über 1500 Menschen im Exil. Ein Brennpunkt persönlicher Geschichten über Migration, Auflösung und Zusammenführung von Familien, Angst, Krieg und Hoffnungen. Beim Projekt »Life on Earth« näherten sich von CABULA6 eingeladene KünstlerInnen, SchauspielerInnen, TänzerInnen, StorytellerInnen, FotografInnen und MusikerInnen in einem Wohncontainer Macondo an – mit dem Ziel, Raum für Begegnungen und Erfahrungen zu schaffen.

Veranstalter
Tanzquartier Wien (www.tqw.at)
CABULA6 
Internationale Performance Company,
gegründet 2003,
geleitet vom Filmemacher und Performer Jeremy Xido und der Regisseurin und Performerin Claudia Heu,
Gewinner der Ausschreibung des Tanzquartier Wien (www.cabula6.com)
Projektdauer
September 2008 bis Juni 2009
Präsentation
12. und 13. Mai 2009 im Tanzquartier Wien
Projektpartner
Stadt Wien,
Bundesministerium für Kunst und Kultur
Projektkontakt
Martina Hochmuth
mhochmuth(at)tqw.at





Was war LIFE ON EARTH

Das Tanzquartier Wien schrieb 2008 gemeinsam mit der Crespo Foundation ein Projekt im Kontext seiner neuen Projektreihe »Community Work« aus: Wiener Tanz- und PerformancekünstlerInnen wurden aufgefordert, Konzepte für eine kreative Verbindung zu jenen – meist ausländischstämmigen - Milieus zu entwerfen, die immer mehr von der Teilhabe am kulturellen Leben ausgeschlossen sind.
Die 2003 von Jeremy Xido und Claudia Heu gegründete internationale Performance-Company CABULA6 bekam mit ihrem Konzept »Life on earth« den Zuschlag; es wurde als Pilotprojekt von »Community Work« im September 2008 gestartet und war bis Juni 2009 angesetzt.
Ausgangspunkt des Konzepts von Life on earth war das Gelände der ehemaligen k.u.k. Kaserne Kaiserebersdorf im Randgebiet Wiens, ein Ort, der von seinen jetzigen BewohnerInnen »Macondo«, oder einfach nur »Ghetto« genannt wird.
In dieser Containersiedlung finden seit über fünfzig Jahren Menschen Zuflucht, die Krieg und Verfolgung in ihren Heimatländern erleben mussten, »Boat People« aus Vietnam, Menschen aus Osteuropa – begonnen hatte es mit Ungarn - , Afrika, Lateinamerika, vor allem aus Chile, und Asien. Heute kommen die meisten Flüchtlinge aus Afghanistan, dem Irak und Kolumbien.


Macondo

Macondo ist ein Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen und neue Heimat für jene, die in ihrer eigenen keine Zukunft mehr hatten. Das bunt gemischte »Dorf« mit seinen mehr als 1500 BewohnerInnen lebt weitgehend konfliktfrei zusammen.
Altes und neues Problem für alle Beteiligten ist die Integration in die österreichische Gesellschaft; latente Ausländerfeindlichkeit und asylbezogene Barrieren machen es ihnen fast unmöglich, am gesellschaftlichen, gar kulturellen Leben in Österreich teilzuhaben.

In ihrem Projektpapier schrieben die InitiatorInnen von Life on earth: »Macondo ist ein erstaunlicher und ungewöhnlicher Ort; er existiert zwischen Flughafen, Autobahn und Vorstellung – geformt von Erinnerung, Vergessen und den harten Realitäten des Lebens, als ein Asyl in einem Land mit einer Geschichte der Aversion gegenüber Neuankömmlingen. Macondo ist ein wahrhaft transnationaler Mikrokosmos in der Mitte des neuen Europa. Es ist ein idealer Ort für künstlerische Projekte, denn er existiert in einem Zwischenreich von harten praktischen Realitäten und imaginierten Sehnsüchten.«

Das Konzept von Life on earth bestand darin, zwei KünstlerInnen mitten in Macondo einen Wohncontainer zur Verfügung zu stellen. Die beiden Artists in Residence setzten sich zum Ziel, den Container zu einer »Kontaktzone« für die Bewohner auszugestalten: Als lebendigen Knotenpunkt im Organismus von Macondo, als moderierende Anlaufstelle, offen sowohl für die BewohnerInnen als auch für die RepräsentantInnen unterschiedlichster Ämter und Institutionen.
Mehr noch: Die von CABULA6 für eine Residency eingeladenen KünstlerInnen, SchauspielerInnen, Storyteller, TänzerInnen, FotografInnen und MusikerInnen konnten mit ihren jeweils unterschiedlichen künstlerischen Fähigkeiten neue Dialoge zwischen unterschiedlichen Gruppen initiieren, Konflikte thematisieren oder helfen, festgefahrene Hierarchien neu zu gestalten.
Die Crespo Foundation unterstützte Life on earth und das daraus entstandene »Residence on earth« im Rahmen ihrer Zielsetzung, KünstlerInnen zu innovativer Projektarbeit mit sozial benachteiligten Menschen zu befähigen. Sie stellte sich damit auch in diesem Projekt der Aufgabe, die Partizipation gesellschaftlicher Randgruppen an kulturellen Prozessen voranzutreiben. Mit dem Tanzquartier Wien fand sie einen herausragenden künstlerischen Partner für diese langfristige Zielsetzung.


Tanzquartier Wien

Das Tanzquartier Wien ist ein Haus, das sich mit seinem vielseitigen Angebot an die Genres zeitgenössischer Tanz und Performance hervorgetan hat. Mut zum Experiment und ein interdisziplinärer Ansatz haben das TQW zu einem stark frequentierten Wirkungsort für internationale KünstlerInnen gemacht. Hinzu kommt ein umfangreiches Researchprogramm, das künstlerischen Fragestellungen nachgeht und eine Schnittstelle zu Theorie und Praxis bildet.
Auch das interne Theorie- und Informationszentrum setzt hier an: Das Institut sieht sich als Vermittler zwischen künstlerischer Produktion, theoretischer Reflexion und öffentlicher Wahrnehmung. Mit diesem ambitionierten, ganzheitlichen Ansatz war das Tanzquartier Wien
für die Umsetzung der Projektreihe »Community Work« bestens aufgestellt.


Fotos

Kinder von Macondo

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