Steuermannskunst

»Der Blick, das Auge ist das machtvollste und wohl gnadenloseste Instrument der Wahrnehmung in unserer Gesellschaft.«

(Wiebke Dröge, Choreografin)

Teenager, das ist nichts Neues, haben es nicht leicht mit sich und ihrem Umfeld. Dringliche Fragen nach der eigenen Identität, extreme emotionale Zustände, verwirrende Signale des Körpers – aus gutem Grund sind junge Menschen am liebsten unter sich, Zweifel und Widerstand gegenüber Angeboten von Erwachsenen gehören zum »coolen« Konsens. Verwunderlich ist das nicht, sind doch wohlmeinende Fördermaßnahmen oft von jener rationalen, vorstrukturierten Herangehensweise geprägt, der sich die Jugendlichen schon in ihrem Schulalltag beugen müssen. Was also tun, um junge Menschen, gerade aus instabilen sozialen Milieus, auf ihrem stürmischen Weg zu einer positiven Selbstwahrnehmung zu unterstützen?

Die Choreografin Wiebke Dröge verfolgte mit ihrem Team einen viel versprechenden Ansatz: In ihrem Schulprojekt »Steuermannskunst«, in 2010 als »X-Motion« in die zweite Phase gegangen, erarbeitete sie mit einer Gruppe von Schülern eine gezielt körperorientierte »Navigation« durch die Höhen und Tiefen der Selbstwahrnehmung.

- Die Methode?
Bewegung erforschen, beobachten, Impulse geben, präsentieren.

Gemeinsam mit der Schülergruppe ging Dröge auf die aufregende Suche nach sichtbarer und spürbarer Dynamik in Bewegungsmomenten, im menschlichen Blickverhalten: Wie fühlt es sich an, wenn der Körper zum Werkzeug wird, das Auge zur Kamera? Kann man mit Knetmasse eine Idee von Tanz modellieren? Was sagen Bleistiftskizzen über Bewegung aus, Schattenumrisse über Choreografie? X-Motion regte die Schüler auf vielen Sinnesebenen dazu an, Erfahrungen mit sich selbst und miteinander zu machen. Am Ende stand eine Ausstellung, begleitet von einer Performance.
»Steuermannskunst« war ein Projekt im Rahmen des »Crespo CuP«, einem Post-graduate-Ausbildungsprogramm, das junge ChoreografInnen dazu anregte, Projekte im Kontext von Schulen und sozialen Einrichtungen zu verwirklichen.

 

 

FAKTEN KURZ GEFASST

»Steuermannskunst«, ein Projekt der Theaterpädagogin und Choreografin Wiebke Dröge, wurde seit August 2008 mit ausgewählten Schülerinnen und Schülern der Alois-Eckard-Schule in Frankfurt am Main durchgeführt. Das Projekt sollte die SchülerInnen mit den Mitteln des Tanzes im Zurechtfinden unterstützen, sie in ihren eigenen Entdeckungen stärken. In wöchentlichen Einheiten, die in monatlichen 3-Tages-Blocks intensiviert wurden, erarbeitete Wiebke Dröge mit ihrem Team gemeinsam mit den SchülerInnen ein Grundrepertoire an Techniken und körperlichen Zugangsweisen.

Projektleitung:  
Wiebke Dröge
www.ohnepunkt.info
Assistenz:Verena Billinger, Studentin Uni Giessen Angewandte Theaterwissenschaften
Lehrer im Projekt: Peter Loewy, Heike Borowski


Was war Steuermannskunst

Ein Tanzprojekt, ausgerechnet in der Schule? Unbedingt. Denn die für das Vorhaben ausgewählten Schülerinnen und Schüler der Alois-Eckard-Schule in Frankfurt am Main waren »auffällig lebendig, wechseln ihren Fokus und ihre Stimmungen schneller als viele andere Menschen – eine unberechenbare Mischung aus Stier und Chamäleon« wie Wiebke Dröge in einem Projektbericht schrieb. Keine Jugendlichen von der verbindlichen Sorte also; da gewährleistete der schulische Rahmen jene Kontinuität im Ablauf, ohne die keine Erfolgserlebnisse erzielt werden konnten.

Wiebke Dröge und ihre Assistentin Verena Billinger traten auch in der zweiten Phase des Projekts »X-Motion« wieder an, »die Schüler mit den Mitteln des Tanzes im Zurechtfinden zu unterstützen, sie in ihren eigenen Entdeckungen zu stärken.«
Von Seiten der Tänzerinnen bedeutete das ein »Einschwingen« auf die TeilnehmerInnen: Aus deren individueller Körperlichkeit, ihren zu Anfang oft unsicheren und abwehrenden Reaktionen wurden Angebote entwickelt, die »den SchülerInnen entsprechen und dort ansetzen, wo sie stehen«.

»X-Motion« war im Kunstunterricht der Klassenlehrerin Heike Borowski angesiedelt, unterstützt von Peter Loewy, Lehrer der Schule und professioneller Fotograf. Die SchülerInnen wurden angeregt, ihre individuellen Bewegungserfahrungen in Form modellierter Knetfiguren darzustellen; auch mit Bleistiftskizzen und Schattenumrissen wurde gearbeitet. Ziel war, eine Fotoausstellung in Kombination mit einer kleinen Performance zu entwickeln.

Die Jugendlichen erfuhren, wie es sich anfühlt, scheinbar »kunstlose« Räume durch eigene körperliche Aktionen aufzuladen, überraschende Energiefelder zu erzeugen - ein wichtiger Schritt hin zum Verständnis künstlerischen Handelns... denn der schlimmste Feind der Kreativität ist immer die Furcht, etwas »falsch« zu machen. Gerade junge Menschen haben oft abwegige Vorstellungen davon, was künstlerisches Handeln bedeutet - auf jeden Fall nichts, was mit ihnen, ihrem Leben und ihren Erfahrungen zu tun hat.
Das zu ändern, die Jugendlichen in die kreative Dynamik zu verwickeln, die ihnen Zugang zu den eigenen Potentialen erlaubt, erforderte absolutes Fingerspitzengefühl. Da dies gelang, die TeilnehmerInnen ihre Vorurteile zugunsten realer Erfahrungen ziehen lassen konnten, löste sich der ambitionierte Anspruch von »Steuermannskunst« und »X-Motion« ein: die im Zusammenspiel mit anderen erarbeitete Bewegungskompetenz wirkte fließend und inspirierend auch im Sozialverhalten der SchülerInnen weiter.


Vom Umgang mit der Unsicherheit

Die Choreografin Wiebke Dröge über ihr Schülerprojekt X-Motion

Welche Impulse bringt das Projekt In Ihren Augen für die Persönlichkeitsentwicklung der beteiligten SchülerInnen?
Wiebke Dröge: »In unserer gemeinsamen Arbeit ging es darum, Unsicherheit als etwas produktives zu erfahren. Dies betrifft sowohl mich und das Team als auch die Schüler.
Das Ergebnis zeigt einen überraschenden künstlerischen Output, der lediglich in der Grundkonzeption im Vorfeld 'sicher' von mir festgelegt wurde.
Das noch Unerdachte zuzulassen, heisst für solch ein Projekt, die Impulse der Schüler zu integrieren und gleichzeitig gemeinsam auf Ideen zu reagieren, die sich scheinbar von allein in die Arbeit einschleichen.
Wichtig war mir, den Schülern einen Vorschuss an intuitivem Wissen zuzumuten. In der Umsetzung haben sie ihre Werke selbst erstellt und auch fotografiert, so wie sie es für richtig hielten. Wir haben uns dabei auf Momente konzentriert und auf das Intensivieren von momenthafter Aufmerksamkeit. Die Bilder zeigen diesen Umgang mit Blick- und Bewegungsmomenten. Ich spüre, dass ihnen das entspricht. Ich wollte sie nicht bilden, sondern das hervorkommen lassen, was da ist und in eine künstlerische Form bringen.« 
Welche Erwartungen knüpfen die SchülerInnen an die Präsentation ihrer Fotos?
Wiebke Dröge: »Sie erwarten das große Erlebnis: Geld, Ruhm, Wahnsinn und TV-Auftritt... Das kennen sie aus den Fernsehshows, das beschreibt ihr Wissen über Öffentlichkeit, bzw inszenierte Auftritte. Aus der sozialen Erfahrung heraus erwarten sie für sich persönlich wohl eher Misserfolg, Ignoranz oder Hähme. Tief im Innern vermute ich den Wunsch, gesehen zu werden- als Mensch auf der Suche nach Verbundenheit und dem Wunsch, Freude und Kraft zu spüren...«

Die Ergebnisse dieses ungewöhnlichen Projekts wurden am 18. Mai 2010 in der Ausstellungshalle Schulstraße 1A präsentiert.


Fotos

Peter Loewy

D  E
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